Vor ein paar Tagen habe ich in meinen alten gespeicherten Dateien etwas wiederentdeckt, das mich zum Nachdenken gebracht hat: meine erste richtige Website. Sie hiess webhelfer2010, lief auf einer kostenlosen de.vu-Domain, und ich hatte sie mit 14 Jahren gebaut. 61 HTML-Seiten, handgeschriebener Code, CGI-Script-Downloads, eine komplette Sektion zu Website-Promotion. Das Ziel? Anderen Leuten erklären, wie man eine Homepage baut.

Angefangen hatte alles noch früher. 1999, im ländlichen Ostdeutschland, in Thüringen, habe ich als 12- oder 13-Jähriger das Internet für mich entdeckt. Während meine Freunde (genauso wie ich) Counter-Strike spielten, wollte ich auch verstehen, wie das Web funktioniert – und habe angefangen, erste Seiten zu bauen. Erst mit einem 14k-Modem, dann mit 56k, später mit ISDN (und Kanalbündelung, die nachts wahnsinnig schnell war, wenn niemand telefonieren musste). webhelfer2010 war dann der Gipfel dieser Phase: ein richtiges Portal, nicht mehr nur eine Spielerei.

25 Jahre später sitze ich in Bülach, berate Menschen zu ihrer Karriere und habe gerade ein KI-basiertes CV-Analyse-Tool programmiert. Auf den ersten Blick haben diese beiden Dinge wenig miteinander zu tun. Auf den zweiten Blick ist es dieselbe Sache: Menschen helfen, mit Hilfe von Technologie.

Und genau darum geht es in diesem Artikel. Nicht um meinen Lebenslauf – sondern um Ihren. Denn was ich bei mir zufällig entdeckt habe, sehe ich bei meinen Klienten regelmässig: Der rote Faden war schon immer da. Man muss ihn nur erkennen.

Warum so viele glauben, keinen roten Faden zu haben

In über 13 Jahren im Personalwesen habe ich Tausende Lebensläufe gelesen und Hunderte Bewerber persönlich beraten. Einer der häufigsten Sätze, die ich höre:

«Mein Lebenslauf hat keinen roten Faden. Ich bin von Branche zu Branche gesprungen.»

Das Problem ist nicht der fehlende rote Faden. Das Problem ist, wo die Leute danach suchen. Sie schauen auf Jobtitel, Branchen und Unternehmensnamen – und sehen Chaos. Ein Ingenieur, der plötzlich im Vertrieb landet. Eine Marketingfrau, die ins Projektmanagement wechselt. Ein Banker, der eine Bäckerei eröffnet.

Aber der rote Faden liegt nicht in dem, wo Sie arbeiten. Er liegt in dem, was Sie tun und warum es Sie antreibt.

Mein eigener roter Faden – eine ehrliche Chronologie

Lassen Sie mich das an meinem eigenen Beispiel zeigen. Nicht, weil mein Weg besonders beeindruckend ist, sondern weil er auf dem Papier ziemlich zerstreut wirkt:

Mit 12-13: Im ländlichen Thüringen entdecke ich nicht nur Counter-Strike, sondern das Internet selbst. Erste Websites, erst mit 14k-Modem, dann ISDN. Ich will verstehen, wie das alles funktioniert.

Mit 14: Ich baue webhelfer2010, ein Portal für Webmaster. 61 Seiten, Tutorials, Downloads. Ich erkläre Gleichaltrigen, wie man CGI-Scripts installiert und Websites bei Suchmaschinen anmeldet.

Mit 17-18: Ich baue federführend die Homepage meiner Schule mit auf – weil ich einer der wenigen bin, der das kann. Direkt nach dem Abitur gehe ich zur Bundeswehr, werde als Pioniertaucher ausgebildet und führe als Freiwillig Wehrdienstleistender bereits ein kleines Team. Ich hatte mich ursprünglich als Offizier beworben – Eignungstest bestanden, verlängert bis zum nächsten Einstellungstermin – und mich dann doch für ein ziviles Studium entschieden.

Mit 20-26: Ich studiere Verkehrswirtschaft an der TU Dresden. Kein IT-Studium, kein HR-Studium.

Mit 27: Ich gehe in die Schweiz und werde Headhunter. Erst bei Michael Page, dann bei CTC Clinical Trial Consulting – dort berate ich Pharma- und MedTech-Unternehmen zu Recruiting-Strategien und führe Junior Consultants.

Mit 32: Ich wechsle zu Trivadis, einem IT-Beratungshaus, und verantworte Recruiting und Employer Branding für 15 Standorte in der DACH-Region. Ich führe ein kleines Team von Active Sourcern.

Mit 35: Ich wechsle zu Netrics, einem IT-Dienstleister, als Senior Talent Acquisition Manager. Innert kürzester Zeit – mitten in turbulenten M&A-Phasen – baue ich die gesamte Recruiting-Funktion von Grund auf. Kurze Zeit später übernehme ich die Rolle als HR Business Partner und führe dabei zeitweise Teile des HR-Teams.

Parallel: Ich coache seit rund 5 Jahren für Ingenieurshelden.de Ingenieure bei der Karriereplanung. Ich gründe KarriereMentor als eigenes Karriereberatungs-Angebot. Und ich programmiere CVMentor – ein KI-Tool zur Lebenslauf-Analyse.

💡 Sehen Sie das Muster?

Webmaster-Hilfe, Bundeswehr-Teamführung, Headhunting, Recruiting, HR-Aufbau, Karriere-Coaching, SaaS-Tool. Die Jobtitel und Branchen könnten unterschiedlicher nicht sein. Aber das Grundmotiv ist immer dasselbe: Menschen dabei unterstützen, weiterzukommen – und dabei Strukturen und Technologie einsetzen.

So finden Sie Ihren roten Faden: 3 Fragen

In meinen Karriere-Coachings arbeite ich mit drei Fragen, die den roten Faden fast immer sichtbar machen. Sie funktionieren am besten, wenn Sie sie schriftlich beantworten – nehmen Sie sich 15 Minuten Zeit dafür.

Frage 1: Was haben Sie als Teenager freiwillig getan?

Nicht was Sie mussten. Was Sie wollten. Haben Sie die Schülerzeitung organisiert? Anderen bei den Hausaufgaben geholfen? Computer repariert? Eine Band gegründet? In einem Verein mitorganisiert?

Bei mir war es: Websites bauen und anderen erklären, wie es geht. Kein Lehrer hat mich dazu gezwungen. Kein Elternteil hat es vorgeschlagen. Ich fand es einfach gut, etwas zu können und dieses Wissen weiterzugeben.

Frage 2: Welche Aufgaben geben Ihnen heute Energie – und welche rauben sie?

Denken Sie nicht an Jobtitel. Denken Sie an Tätigkeiten. Macht es Sie zufrieden, wenn Sie ein Problem für jemanden gelöst haben? Wenn Sie eine Struktur geschaffen haben, die vorher fehlte? Wenn Sie andere überzeugt haben? Wenn Sie etwas Neues gebaut haben?

Bei mir: Ich liebe es, Prozesse aufzubauen, die vorher nicht existierten. Ob das eine Website mit 14 war, eine HR-Abteilung mit 35 oder ein SaaS-Tool mit 39 – das Muster ist identisch.

Frage 3: Was würden drei verschiedene Kollegen als Ihr «Ding» beschreiben?

Nicht Ihre Jobbeschreibung. Ihr Ding. «Wenn du ein Problem hast, geh zu Christian, der baut dir sofort eine Lösung.» Das höre ich tatsächlich seit 20 Jahren in verschiedenen Variationen. Es ist der rote Faden in einem Satz.

💡 Praxis-Tipp: Die Schnittmengen-Methode

Schreiben Sie Ihre drei Antworten auf und suchen Sie nach Überschneidungen. Der rote Faden liegt dort, wo sich mindestens zwei der drei Antworten überlappen. Wenn alle drei in dieselbe Richtung zeigen, haben Sie Ihre Berufung gefunden – auch wenn Sie sie bisher nicht so genannt haben.

Roter Faden heisst nicht gerader Lebenslauf

Ein verbreiteter Irrtum: Ein roter Faden bedeutet, dass man 20 Jahre in derselben Branche gearbeitet hat, idealerweise mit stetigem Aufstieg. Das ist nicht falsch – aber es ist nur eine Form eines roten Fadens. Und ehrlich gesagt die langweiligste.

In der Praxis sehe ich immer wieder, dass die interessantesten Karrieren auf den ersten Blick unlogisch wirken. Eine ehemalige Lehrerin wird Unternehmensberaterin – und merkt erst im Coaching, dass sie in beiden Rollen dasselbe tut: komplexe Inhalte so aufbereiten, dass andere sie verstehen und umsetzen können.

Ein Softwareentwickler wechselt ins Produktmanagement und dann in die Geschäftsleitung. Auf dem Papier drei verschiedene Jobs. In der Realität: Er hat immer an der Schnittstelle zwischen Technik und Business gearbeitet und dort übersetzt, wo andere scheitern.

Der Punkt ist: Ein roter Faden ist kein gerader Strich. Er ist ein Muster. Und Muster erkennt man oft erst, wenn man einen Schritt zurücktritt.

Was Sie mit Ihrem roten Faden anfangen können

Wenn Sie Ihr Muster erkannt haben, ändert sich Ihre gesamte Karrierestrategie. Konkret in drei Bereichen:

1. Bewerbungen werden überzeugender. Statt sich für «Brüche» im Lebenslauf zu entschuldigen, erzählen Sie eine Geschichte. Recruiter wie ich erkennen sofort, wenn jemand sein Karrieremuster versteht – und das macht einen enormen Unterschied im Bewerbungsprozess.

2. Entscheidungen werden klarer. Soll ich das Jobangebot annehmen? Passt der rote Faden, oder weiche ich ab? Diese Frage als Filter zu nutzen, spart Jahre an Umwegen. Das heisst nicht, dass Umwege schlecht sind – aber bewusste Entscheidungen sind besser als zufällige.

3. Selbstvertrauen wächst. Wer sein Muster kennt, weiss auch, warum er gut ist in dem, was er tut. Nicht weil ein Zertifikat es bestätigt, sondern weil er es seit 10, 20 oder 25 Jahren lebt – manchmal ohne es zu wissen.

Der rote Faden ist schon da. Sie müssen ihn nur sehen.

Als ich die alte Website in meinen gespeicherten Dateien wiederentdeckt habe, musste ich kurz lachen. Nicht weil die Website schlecht war – im Gegenteil, für einen 14-Jährigen war sie beeindruckend (denke ich zumindest). Sondern weil mir klar wurde, dass ich seit 25 Jahren im Grunde dasselbe mache: Wissen und Werkzeuge bauen, die anderen helfen.

Ihr roter Faden ist genauso da. Vielleicht liegt er in einer alten Festplatte. Vielleicht in einer Anekdote, die Ihre Eltern erzählen. Vielleicht in dem Moment, in dem Sie bei der Arbeit die Zeit vergessen. Suchen Sie danach. Es lohnt sich.